Hans-Heinrich Dieter

VergangenheitsbewĂ€ltigung in Europa   (05.02.2013)

 

Russland feiert den Sieg vor 70 Jahren in Stalingrad mit großem Pathos, Patriotismus, Pomp und Putin. FĂŒr das Wochenende fĂŒhrt Wolgograd noch einmal den Namen Stalingrad. Der Stolz und die Erinnerung der Veteranen sowie die Freiheit des Geschmacks in Ehren, aber dass man nun diese Stadt der MilitĂ€rtragödie erneut nach einem der grĂ¶ĂŸten Massenmörder der Geschichte benennen zu mĂŒssen glaubt, zeugt doch von eklatanter Geschichtsvergessenheit und stark unzureichender VergangenheitsbewĂ€ltigung. Allerdings passt das zu den erkennbaren BemĂŒhungen des „lupenreinen Demokraten“ Putin, aus Russland wieder eine neue Sowjetunion zu machen. An die 90.000 deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten und von denen nicht einmal 10 Prozent nach Deutschland zurĂŒckgekehrt sind, denkt wohl fast ausschließlich der bei den Feierlichkeiten anwesende deutsche VerteidigungsattachĂ©. Russland hat die Verbrechen der Stalinzeit mit Millionen von Toten noch nicht aufgeklĂ€rt, die Archive sind noch nicht frei zugĂ€nglich. Mit diesem Russland werden wir noch lange zu tun haben.

Deutschland gedenkt seiner teilweise sehr schlimmen Geschichte in anderem Stil und mit anderer Zielsetzung. Wir haben uns bemĂŒht und bemĂŒhen uns aufgrund der Schwere unserer Schuld weiter, unsere Vergangenheit aufzuarbeiten und – soweit das geht - zu bewĂ€ltigen, nicht aber zu vergessen. Dem dienen unsere Gedenktage.

Der 27.01. ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus/Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Es ist der Tag der Befreiung der Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee 1945. Der Deutsche Bundestag kommt an diesem Gedenktag alljĂ€hrlich zu einer Feierstunde zusammen. 

Der 08.05. ist der Tag der Befreiung/Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges 1945. Am 8. Mai 1985 bezeichnete BundesprĂ€sident Richard von WeizsĂ€cker in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Deutschen Bundestag den 8. Mai als den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.  

Der 02.08. ist der Tag des Gedenkens an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma, denn am 02. August 1944 ermordete die SS im Zuge der Auflösung des so genannten „Zigeunerlagers“ im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau die letzten noch lebenden rund 3.000 Sinti und Roma in den Gaskammern. Der Gedenktag wird seit 1997 jĂ€hrlich in Auschwitz vom Zentralrat der Sinti und Roma ausgerichtet.  

Der 09.11. ist der Tag des Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938, in der die Nationalsozialisten die jĂŒdischen BĂŒrger Deutschlands erstmals systematisch und in aller Öffentlichkeit mit Terror ĂŒberzogen. Mehr als 30.000 jĂŒdische BĂŒrger wurden im Zusammenhang mit diesen Ereignissen in Konzentrationslager verschleppt. 

Am 13.11. ist nicht „Heldengedenktag“ sondern Volkstrauertag. Im Plenarsaal des Deutschen Bundestages findet am Volkstrauertag die zentrale Veranstaltung des Volksbundes Deutsche KriegsgrĂ€berfĂŒrsorge zum Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewalt statt. Die Feierstunde steht traditionell unter der Schirmherrschaft des BundestagsprĂ€sidenten.

Die knappe und natĂŒrlich nicht vollstĂ€ndige Darstellung unserer BemĂŒhungen um VergangenheitsbewĂ€ltigung in gutem Stil und mit zivilisierten Formen zeigt, dass wir es ernst meinen mit der Aufarbeitung unserer Geschichte und wir bemĂŒhen uns, die Wiederholung solch grausamen Geschehens dadurch zu verhindern, dass wir die schwer ertrĂ€gliche Erinnerung wachhalten. Diese um Ehrlichkeit bemĂŒhte Aufarbeitung der Geschichte hat es Deutschland möglich gemacht, seinen Platz in der Weltgemeinschaft wieder einzunehmen.

Die SiegermĂ€chte und die Nationen, die sich als Opfer des Zweiten Weltkrieges begreifen, sind nach 1945 meist andere Wege gegangen. Frankreich hat das Vichy-Regime und die Kollaboration mit den Nazis noch nicht aufgearbeitet und begnĂŒgt sich bisher mit dem nationalen Glauben, dass die große Mehrheit der Franzosen aktiv in der Resistance war, und die AufklĂ€rung der Kriegsverbrechen in Algerien passt natĂŒrlich auch nicht in das Selbstbildnis der Grande Nation. Großbritannien hat den verbrecherischen Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung zu verantworten und glaubt wohl, dass die Spende einer Glocke fĂŒr die Liebfrauen-Kirche in Dresden Wiedergutmachung genug ist. Man könnte großzĂŒgig sein, wenn die Briten dem Kriegsverbrecher Bomber-Harris, der als Commander-in-Chief des RAF Bomber Command und ab 1943 als Air Chief Marshal der Royal Air Force die systematischen FlĂ€chenbombardements deutscher StĂ€dte mit Billigung Churchills angeordnet hat, nicht ein Denkmal direkt in der Nachbarschaft der Westminster Cathedral gesetzt hĂ€tten. Die Niederlande und Belgien hatten bisher noch nicht die GrĂ¶ĂŸe, ihren Anteil an der Vernichtung der damals in ihren besetzten LĂ€ndern lebenden Juden aufzuklĂ€ren. Von Italien ist auch nicht zu erwarten, dass es seine Geschichte objektiv aufbereitet. Auch hier verdrĂ€ngt man die italienische Teilhabe an der Deportation der Juden und pflegt lieber die Erinnerung an den Widerstand gegen die deutsche Besatzung und die Opfer, die er gekostet hat. In fast jeder italienischen grĂ¶ĂŸeren Stadt gibt es ein „Istituto storico della Resistenza“. Tschechien hĂ€lt heute noch mehrheitlich die Vertreibung der Sudentendeutschen auf der Grundlage der Benes-Dekrete fĂŒr richtig und denkt ĂŒberhaupt nicht daran, seine Geschichte diesbezĂŒglich unter eine objektive Lupe zu nehmen. Und die TĂŒrkei, die gerne Mitglied der EuropĂ€ischen Union werden möchte, weigert sich, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen und Abbitte zu leisten.

Die deutschen Verbrechen im zweiten Weltkrieg und der Nationalsozialisten im Dritten Reich sollen weder aufgerechnet, noch zum Vergleich herangezogen werden. Wenn wir aber als Partner und Freunde in der EuropĂ€ischen Union enger zusammenleben und zusammenarbeiten wollen, wenn wir ein tiefer integriertes Europa wollen, dann gehört auch dazu, dass sich alle Staaten und Nationen einer objektiven PrĂŒfung ihrer jeweiligen Geschichte stellen und Lehren fĂŒr die gemeinsame Zukunft ziehen. Eine vorurteilsfreie Aufarbeitung der jeweiligen Geschichte trĂ€gt dann sicher auch dazu bei, dass gelegentlich ĂŒbersteigerte nationale GefĂŒhle und Interessen - die gemeinsames zukunftsorientiertes Handeln behindern - abgebaut werden.

Und wir in Deutschland mĂŒssen auch noch die Geschichte des kommunistischen Unrechtregimes DDR aufarbeiten, um einer VerklĂ€rung entgegenzuwirken, das politische Bewusstsein und die geschichtlichen Kenntnisse unserer Jugend deutlich zu verbessern, die Menschenrechtsverletzungen im "VolksgefĂ€ngnis DDR" aufzuklĂ€ren und um die Verantwortlichen, soweit noch möglich, zur Verantwortung zu ziehen. TĂ€terschaft im damaligen „real existierenden Sozialismus“ geht weit ĂŒber TĂ€tigkeit als IM der STASI hinaus.

Wer die Zukunft gestalten will, muss genau wissen woher er mit welcher Vergangenheit kommt. Das gilt insbesondere, wenn unterschiedliche Nationen die Zukunft gemeinsam gestalten wollen.

(05.02.2013)

 

 

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